Fichtenwald im DACH-Raum: Der Klimawandel verändert, welche Baumarten nachwachsen

Wie aus dem Klimarisiko in der Holzwirtschaft ein Wachstumshebel wird

Was verarbeitet ein Sägewerk, wenn die Fichte nicht mehr nachwächst? Der Klimawandel sortiert die Wälder im DACH-Raum neu, während die Nachfrage nach regionalem Holz steigt. Aus diesem Gegensatz entsteht ein Risiko für alle, die am Bestehenden festhalten, und ein Wachstumshebel für alle, die Sortiment und Geschäftsmodell früh auf den Wald von morgen ausrichten.

Die Fichte zieht sich zurück

Die Fichte ist der Brotbaum der Wälder im DACH-Raum, wirtschaftlich die wichtigste und lange die häufigste Art. Doch sie zieht sich zurück. In den Tieflagen ist ihr Bestand bereits spürbar geschrumpft. Forschende der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL rechnen damit, dass Fichte, Buche und Tanne bis 2050 weitgehend aus dem Schweizer Mittelland verschwinden. An ihre Stelle treten voraussichtlich Eiche, Edelkastanie und Douglasie. Der Wald sortiert sich neu, getrieben von Trockenheit und Hitze.

Für ein Unternehmen, das seit Jahrzehnten regionales Rundholz verarbeitet, ist das mehr als eine ökologische Randnotiz. Produktion, Sortiment und Endprodukte sind auf einige wenige Kernbaumarten ausgelegt. Sinkt deren Verfügbarkeit, geraten Kalkulation und Planung ins Rutschen.

Knappes Angebot, wachsende Nachfrage

Zur knapper werdenden Basis kommt eine zweite Bewegung, und sie zeigt in die andere Richtung. Klimafreundliches Bauen und eine wachsende Bioökonomie treiben die Nachfrage nach regionalen, nachwachsenden Materialien. Der Holzbau boomt, vor allem im mehrgeschossigen Wohnungsbau und bei Renovationen.

Sinkendes Angebot der gewohnten Arten trifft also auf steigende Nachfrage. Die Folge: volatilere Preise und unsicherere Versorgung sowie eine Produktion unter Druck. Wer hier nur die Kostenseite sieht, verteidigt Margen, die sich mittelfristig kaum halten lassen.

Den Rohstoff anders denken

Interessanter wird es, wenn man die Frage umdreht. Welche Produkte lassen sich aus einem knapperen, aber stärker nachgefragten Rohstoff herstellen, die mehr wert sind als das, was heute die Sägelinie verlässt? Und welche Geschäftsmodelle schaffen Versorgungssicherheit, statt sie dem Markt zu überlassen?

Zwei Stossrichtungen stehen im Zentrum.

  1. Erstens die höherwertige Nutzung um aus weniger Rohstoff mehr Wertschöpfung zu holen, über Produkte, die Funktion und Qualität in den Vordergrund stellen.
  2. Zweitens Kreislauf und Kaskadennutzung, die denselben Rohstoff mehrfach durch die Wertschöpfung führen, bevor er energetisch verwertet wird.

Beides verlangt, die ökologischen und ökonomischen Treiber zu verstehen. In unserer Forschung zur Holz-Wertschöpfungskette im DACH-Raum war genau das der Ausgangspunkt: zu wissen, welche Arten nachwachsen, wie schnell und in welcher Qualität, bevor man Produktion und Sortiment darauf ausrichtet.

Wenn der Kohlenstoff zum Produkt wird

Eine dritte Chance liegt im Material selbst. Holz speichert Kohlenstoff, nach einer verbreiteten Faustregel rund eine Tonne CO₂ pro Kubikmeter. Was lange nur ein ökologisches, aber wenig fassbares Argument war, lässt sich inzwischen immer öfters handeln: Im DACH-Raum entstehen erste Methodiken und Zertifikate, die den im Holzbau gebundenen Kohlenstoff zertifizieren und als Carbon-Removal-Gutschrift handelbar machen. Für Holzbauunternehmen kann daraus ein zusätzlicher Ertragsstrom entstehen.

Ein Selbstläufer ist das aber nicht. Solche Zertifikate sind umstritten, weil die Speicherung nicht ewig hält, die Anrechnung schwer zu prüfen ist und nach Abzug der Energie für Ernte, Trocknung und Transport weniger übrig bleibt, als die Faustregel verspricht. Den Kohlenstoff zum Produkt zu machen, ist daher eine Möglichkeit von mehreren und kein fertiges Rezept.

Rund 1 Tonne CO₂. So viel Kohlenstoff bindet etwa ein Kubikmeter verbautes Holz, gespeichert über die gesamte Lebensdauer des Gebäudes.

Über die Holzindustrie hinaus

Die Holzindustrie ist ein gut sichtbares und vergleichsweise einfach zu verstehendes Beispiel, für etwas das in vielen Wirtschaftszweigen aktuell in frühen Entwicklungsstadien ist. Überall, wo Wertschöpfung auf natürlichen Rohstoffen aufbaut, vom Bauwesen über die Lebensmittelproduktion bis zur Spezialchemie, verschieben sich Verfügbarkeit und Qualität mit sich verändernden ökologischen Bedingungen. Wer seine Prozesse von heute an den Vorhersagen von morgen misst, sichert wirtschaftlichen Erfolg und stabile Cashflows, auch wenn die traditionellen Beschaffungsmärkte volatiler werden.

Wie wir unterstützen

Wir analysieren, wie sich die Rohstofflage einer Branche in den kommenden Jahren entwickeln könnte, was daraus für Produktion und Wertschöpfungskette folgt und wo neue Märkte entstehen könnten. Daraus entwickeln wir mit Ihnen ein Portfolio und ein Wertversprechen, die auf die veränderte Ausgangslage ausgerichtet sind. Die Verbindung aus naturwissenschaftlichem Verständnis und unternehmerischer strategischer Arbeit ist dabei unser Ausgangspunkt.

Wenn Sie wissen wollen, wie robust Ihr Geschäftsmodell gegenüber einer sich verschiebenden Rohstoffbasis ist, sprechen Sie mit uns.

Häufige Fragen

Nach Prognosen der WSL werden Eiche, Edelkastanie und Douglasie einen grossen Teil des Fichtenbestands in den Tieflagen in der Schweiz ersetzen. Diese Arten kommen mit Trockenheit und steigenden Temperaturen besser zurecht. Für die Holzwirtschaft bedeutet das andere Stammgeometrien, andere Holzeigenschaften und teilweise andere Verarbeitungsanforderungen als beim bisher dominanten Nadelholz.

Klimafreundliches Bauen und eine wachsende Bioökonomie treiben die Nachfrage nach regionalen, nachwachsenden Materialien. Der Holzbau wächst vor allem im mehrgeschossigen Wohnungsbau und bei Renovationen. Ein sinkendes Angebot der gewohnten Baumarten trifft damit auf steigende Nachfrage. Die Preise werden volatiler, die Versorgung unsicherer.

Kaskadennutzung heisst, denselben Rohstoff so lange wie möglich in hochwertigen Produkten zu halten, bevor er energetisch verwertet wird. Ein Rohstoff durchläuft mehrere Nutzungsstufen, bevor er energetisch verwertet wird. Beispielsweise werden aus dem Stamm Bauholz, aus dem Verschnitt werden Platten, später Span- oder Faserwerkstoffe. Erst am Ende steht die Verbrennung, die heutzutage insbesondere bei Laubholz immer noch die Hauptnutzung darstellt. Das verlängert bzw. erhöht die Wertschöpfung und gewinnt an Bedeutung, wenn die verfügbare Menge sinkt. Im Kern ist es Kreislaufwirtschaft für den Rohstoff Holz.

Zuerst braucht es ein klares Bild der regionalen Waldentwicklung für die nächsten 20 bis 30 Jahre: Welche Arten wachsen nach, in welcher Qualität, in welchem Zeithorizont? Darauf aufbauend lassen sich Sortiment und Produktionsprozesse schrittweise anpassen. Wer wartet, bis der Rohstoffmangel akut wird, hat keinen Spielraum mehr für eine strategische Entscheidung.

Quellen

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