Schweizer Industrie: Innovation zwischen Effizienz und Erneuerung

Innovationsweltmeister mit Handbremse

Die Schweiz führt die Innovationsrankings an und erneuert ihre Wirtschaft trotzdem nur in Trippelschritten. Beim ökologischen Umbau zeigt sich das besonders deutlich: Unternehmen ergänzen ihr Geschäftsmodell, statt es zu erneuern. Wer hier vorne sein will, kommt am eigenen Geschäftsmodell nicht vorbei.

Spitzenplatz und kleine Schritte

Jahr für Jahr dasselbe Bild. Wenn internationale Institute messen, wo auf der Welt am meisten erfunden und entwickelt wird, steht die Schweiz ganz weit vorne. Beim Global Innovation Index, hat das Land seit über einem Jahrzehnt immer einen Spitzenplatz inne. Man hat sich inzwischen daran gewöhnt.

Eine Studie der ETH-Konjunkturforschungsstelle KOF gemeinsam mit der FHNW, der EPFL und der Universität St. Gallen rückt dieses Selbstbild jedoch etwas zurecht. Die Schweizer Wirtschaft erfindet noch, aber immer öfter in kleinen Schritten. Verbesserungen, die nur für das eigene Unternehmen neu sind, kommen rund doppelt so häufig vor wie echte Neuheiten für den Markt. Dabei tragen gerade die Marktneuheiten das höchste Wertschöpfungspotenzial.

Anpassen statt umbauen

Nirgends zeigt sich die Vorsicht deutlicher als dort, wo am meisten umzubauen wäre. Bei Nachhaltigkeitsthemen ergänzen die meisten Unternehmen, was sie ohnehin haben. Martin Wörter, einer der Studienautoren, beschreibt es nüchtern: Bei der ressourcenschonenden Erneuerung gibt es Luft nach oben. Diese einordnung deckt sich mit unserer Nuovia internen Beobachtung im Markt und aus Gesprächen mit Geschäftsleitungen Schweizer Industriebetriebe. Die Studie nennt dieses Phänomen “Pfadabhängigkeit”. Bestehende Modelle werden um ökologische Anforderungen erweitert, ohne die eingespielten Routinen zu hinterfragen oder zu verlassen. Ein Material wird ersetzt oder ein Prozess optimiert. Der Sprung zu neuen Lösungen bleibt oft aus.

Das ist bequem, wird aber riskanter. Während die USA und China grosse Summen in Rechenzentren, Halbleiter und KI lenken, feilt die Schweiz am Bestehenden. Der Draghi-Bericht aus dem Jahr 2023 zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit sieht im zirkulären, ressourcenschonenden Wirtschaften ein Feld, auf dem Europa eigene Vorteile aufbauen kann. Für die Schweiz, eine Exportnation mitten in Europa, ist das Massstab und Chance zugleich. Wer auf Nummer sicher geht, verliert in einem Umfeld, das sich schnell verschiebt, am meisten.

Die Rechnung dreht sich

Einer der wichtigsten Faktoren aus unternehmerischer Sicht am Weg zu neuen marktreifen Innovationen ist ein möglicher “Business Case”. Der ist für viele Unternehmen laut KOF quer durch alle Branchen oft nicht erkennbar. Die Kosten werden als wichtigste Bremse von mehr als 40% der Befragten für grüne Innovation gesehen. Sie sehen den Aufwand und selten mögliche Erträge.

Ein White Paper der Universität St. Gallen zu zirkulären Geschäftsmodellen kommt nach Gesprächen mit zahlreichen Unternehmen zum Schluss, dass die technischen Hürden klein bis nicht vorhanden sind. Was bremst, ist oftmals die (Unternehmens-)kultur. Der Satz «Das haben wir immer so gemacht» kostet dann mehr als jede fehlende Maschine.

Niemand schliesst den Kreis allein

In Kundengesprächen gehen wir gerne der folgenden Frage nach: Was würden Sie heute anders machen, wenn Sie jedes Produkt, das Sie je verkauft haben, zurücknehmen müssten? Die ehrliche Antwort lautet meist: vermutlich vieles. Genau dort beginnt zukunftsfähige Geschäftsmodellinnovation. In unseren Projekten wird diese Frage dann schnell zum spannendsten Ausgangspunkt der Diskussionen. Hier entstehen die ersten Ideen, die wir dann gemeinsam mit dem Unternehmen weiterverfolgen.

Wie eine solche Lösung aussehen kann, zeigt ein Schweizer Projekt im Bereich der Kleidungsindustrie. Dabei wurde mit mehreren Partnerunternehmen Arbeitskleidung entwickelt, die sich am Ende vollständig einschmelzen und neu verweben lässt. Keine Mischfasern, ein einheitlicher Schmelzpunkt, modular gedacht von Anfang an. Die Kleidung wird vermietet und zurückgenommen statt verkauft. Möglich wurde das erst im Verbund mit mehreren Unternehmen, ehemalige Konkurrenten eingeschlossen. Aus einer klassischen Lieferkette wurde ein Kreislaufansatz mit neu gedachtem Geschäftsmodell.

Wo die Schweiz aus unserer Perspektive ansetzen kann

Die gute Nachricht steckt im oben bereits genannten Befund. Wenn die Hürde kulturell ist, lässt sich heute beginnen. Die Schweiz hat die Forschung, die Patente und die Hochschul-Industrie-Kooperation, um die sie andere beneiden. Was fehlt, ist seltener das Können als der Mut, das eigene Wertversprechen und das Erlösmodell neu zu denken.

Für Geschäftsleitungen heisst das, die ökologische Erneuerung als Strategiefrage zu behandeln und nicht als Pflichtprogramm einer Fachabteilung. Wer das Geschäftsmodell zum Ausgangspunkt macht, verschiebt das Thema von der Kostenseite auf die Seite der Wertschöpfung. Der erste Schritt ist konkret: das eigene Modell entlang von Wertversprechen, Wertschöpfung und Erlösen daraufhin prüfen, wo ein geschlossener Kreislauf einen Ertrag schaffen würde, den der heutige lineare Pfad liegen lässt.

Wie wir unterstützen

Den ersten Schritt, das eigene Modell zu prüfen, gehen viele Unternehmen ungern allein. Genau hier setzen wir bei Nuovia an. Wir arbeiten mit Geschäftsleitungen daran, ökologischen Wandel als Frage des Geschäftsmodells zu behandeln. Mit Ihnen schauen wir auf Wertversprechen, Wertschöpfung und Erlösmodell, finden die Stellen, an denen ein geschlossener Kreislauf Ertrag schafft, und verankern das Ergebnis in einer Strategie, die im Unternehmen trägt und bei Kunden, Investoren und Mitarbeitenden ankommt.

Wenn Sie wissen wollen, wo Ihr Geschäftsmodell heute Wert liegen lässt, sprechen Sie mit uns. Ein erstes Gespräch klärt schnell, ob sich der genauere Blick lohnt.

Häufige Fragen

Geschäftsmodellinnovation fragt, wie ein Unternehmen Wert schafft, liefert und abschöpft, und nicht nur, wie es einzelne Produkte oder Prozesse verbessert. Konkret: Wer zahlt wofür, was kommt zurück, und wie entsteht dabei ökologischer Nutzen? Ein tragfähiges Modell lässt wirtschaftlichen Ertrag und Ressourcenschonung in dieselbe Richtung laufen.

Inkrementelle Innovation verbessert bestehende Produkte oder Prozesse und ist nur für das eigene Unternehmen neu, beispielsweise ein ersetztes Material, oder ein optimierter Prozess. Marktneue Innovation im Gegenzug bringt etwas hervor, das es im Markt so noch nicht gibt, etwa ein neues Erlösmodell oder ein neues Wertversprechen. Laut KOF-Studie kommen inkrementelle Innovationen in der Schweiz rund doppelt so häufig vor wie marktneue.

Weil Kosten und Nutzen zeitlich oft auseinanderfallen. Investitionen sind sofort sichtbar, der Ertrag durch neue Erlösquellen, höhere Margen oder Versorgungssicherheit entsteht womöglich erst nach Jahren. Laut KOF nennen über vierzig Prozent der Schweizer Unternehmen die Kosten als wichtigste Bremse. Die eigentlich wesentliche Hürde ist nach den Befunden der Universität St. Gallen jedoch kulturell.

Ein zirkuläres Ökosystem ist ein Verbund eigenständiger Unternehmen, die gemeinsam dafür sorgen, dass ein Produkt oder Material nach der Nutzung in den Kreislauf zurückkehrt. Die wenigsten Unternehmen können Herstellung, Nutzung, Rücknahme und Wiederverwertung als individuelles Unternehmen sinnvoll abdecken. Erst im Verbund mehrerer eigenständiger Unternehmen, die auf ein gemeinsames Wertversprechen hinarbeiten, lässt sich ein Material im Kreis führen.

Der direkteste Einstieg ist die Frage: Was würde ich heute anders bauen oder verkaufen, wenn ich alles zurücknehmen müsste? Daraus wird sichtbar, wo das Modell Wert liegen lässt. Als Orientierung dienen drei Schritte: (1) die Wertschöpfungskette auf Rücknahmepotenziale prüfen, (2) mögliche Partner für ein Ökosystem identifizieren und (3) in einem abgegrenzten Produktsegment mit einem Pilot starten.

Quellen

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